Stellungnahme zur Veröffentlichung von IDC11

Im ICD 10 gab es die Bezeichnung „Transsexualismus“ auf der Position „F64.0“. Diese gibt es im ICD 11 nicht mehr, sie wird durch „HA60 Gender incongruence of adolescence or adulthood“ ersetzt. Die neue Position ist in der Gruppe „Conditions related to sexual health” eingeordnet.

Das bedeutet, dass trans* Personen nicht mehr länger eine Diagnose bekommen, die unter Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen fällt. Wir freuen uns sehr über diesen wichtigen Schritt in Richtung psychologische Entpathologisierung von trans* Personen. Ebenfalls ein großer Fortschritt ist, dass nicht mehr von „dem anderen Geschlecht“ gesprochen wird, denn darin war die Annahme enthalten, dass es nur zwei komplementäre Geschlechter gäbe. Es wird auch nicht mehr vom „anatomischen Geschlecht“ gesprochen, sondern vom „assigned sex“, also dem zugewiesenen Geschlecht. Diese kleinen Wörter haben eine große Auswirkung, da jetzt anerkannt wird, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Dadurch wird auch trans* Menschen mit nicht binärer Identität der Zugang zu gewünschten Behandlungen eröffnet. Ebenfalls wird nicht mehr davon ausgegangen, dass es nur zwei anatomische Geschlechter gebe, sondern es wird vom zugewiesenen Geschlecht gesprochen. Damit wird auch anerkannt, dass es körperlich nicht nur zwei Geschlechter gibt, daher steht die aktuelle Diagnose jetzt auch behandlungssuchenden inter* Menschen offenstehen.

Eine weitere Änderung ist die neue Diagnose „HA61 Gender incongruence of childhood“, die sich auf Kinder vor der Pubertät bezieht.
Da generell keine medizinischen Maßnahmen an vorpubertären Kindern vorgenommen werden, ist für uns an dieser Stelle der Sinn der Diagnose unklar.

Für inter* Menschen sieht die Situation leider ganz anders aus: unter LD2A und 5A71.1 werden immer noch pathologisierende Diagnosen für gesunde intergeschlechtliche Körper vergeben werden. An dieser Stelle haben wir uns entschieden die vollständigen Diagnosen nicht auszuschreiben, da bereits die Bezeichnungen sehr problematisch ist.

Dies kritisieren wir ebenso wie inter* Selbstorganisationen deutlich.

Kitty Anderson von Oii Europe sieht eine Gefahr durch die bereits zuvor erwähnte Diagnose „HA61 Gender incongruence of childhood“ für inter* Kinder. Denn diese könne genutzt werden, um geschlechtsverändernde Maßnahmen bei inter*Kindern durchzuführen,
„um die Inkongruenz zu bekämpfen“.
Für mehr informationen zu den Bedeutungen für inter* Menschen empfehlen wir das Statement von Oii Europe:

https://oiieurope.org/who-publishes-icd-11-and-no-end-in-sight-for-pathologisation-of-intersex-people/

So wichtig der Schritt für die Entpathologisierung von trans* Personen ist, kann die Diagnose im Kindesalter eine Gefahr für inter* Kinder darstellen. Und die Chance für eine längst überfällige Entpathologisierung von inter* Personen wurde leider verpasst.

 

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